Neurodivergenz & Hochsensibilität
Neurodivergenz und Hochsensibilität sind für mich nicht nur fachliche Themen. Sie gehören auch zu unserer eigenen Familienrealität.
Ich kenne deshalb nicht nur aus Psychologie und Theorie, wie unterschiedlich Menschen wahrnehmen, Reize verarbeiten, Aufmerksamkeit steuern oder auf Anforderungen reagieren können. Ich kenne auch den Alltag damit.
Gleichzeitig ist mir wichtig: Nicht jedes herausfordernde Verhalten hat mit Neurodivergenz zu tun. Kinder reagieren auch auf das, was um sie herum passiert, etwa auf Konflikte, Trennung, Verlust, Überforderung oder andere belastende Veränderungen.
Deshalb lohnt sich immer der Blick auf das Kind, seine Beziehungen und die Bedingungen, in denen ein Verhalten entsteht.
Mich beschäftigt dabei die Frage, was einem Kind oder Erwachsenen wirklich hilft: Welche Strukturen tun gut? Wo fehlt Verständnis? Was kann im Familienalltag verändert werden?
Und wie findet man sich gleichzeitig in Systemen wie Kita, Schule oder Arbeitswelt zurecht?
Diese Erfahrungen prägen meinen Blick in der Beratung. Mir ist wichtig, Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern genauer hinzuschauen, was dahinterstehen und was ein Mensch gerade brauchen könnte.
Was braucht dieser Mensch eigentlich?
Was für einen Menschen selbstverständlich funktioniert, kann für einen anderen sehr viel Kraft kosten.
Vielleicht nimmst du Reize besonders intensiv wahr. Dein Kopf arbeitet ständig. Du brauchst Struktur und hast gleichzeitig Schwierigkeiten, sie aufrechtzuerhalten.
Vielleicht betrifft es dein Kind.
Oder euren gesamten Familienalltag.
Dann lohnt es sich, nicht nur zu fragen:
Wie können wir besser funktionieren?
Sondern auch:
Was brauchen wir eigentlich, und passen die Bedingungen zu uns?
Wirbelwind, Träumerchen oder einfach gerade viel los?
Vielleicht ist dein Kind ein kleiner Wirbelwind: immer in Bewegung, schnell begeistert, schnell frustriert, impulsiv oder gefühlt überall gleichzeitig.
Vielleicht ist es eher ein Träumerchen: verliert sich in Gedanken, braucht viele Erinnerungen oder bekommt manches gar nicht richtig mit, obwohl es sich Mühe gibt.
Vielleicht erkennst du dein Kind in beidem wieder.
Dafür braucht es zunächst keine Diagnose.
Solche Verhaltensweisen können zu neurodivergenten Besonderheiten passen. Sie können aber genauso mit Temperament, Entwicklung, Überforderung, Stress oder belastenden Lebensumständen zusammenhängen.
Deshalb ist für mich nicht zuerst die Frage:
„Welche Diagnose steckt dahinter?“
Sondern:
„Was erleben wir gerade, und was braucht dieses Kind?“
Mit oder ohne Diagnose kann Familienalltag herausfordernd sein. Und mit oder ohne Diagnose darfst du dir Unterstützung wünschen.
Wenn „mehr anstrengen“ nicht die Lösung ist
Viele Menschen versuchen lange, organisierter, ruhiger, konzentrierter oder belastbarer zu werden.
Natürlich können Strategien helfen.
Aber nicht jede Schwierigkeit entsteht dadurch, dass jemand sich noch nicht genug angestrengt hat.
Manchmal sind Anforderungen zu hoch. Manchmal fehlt Verständnis. Manchmal passen Strukturen nicht. Und manchmal fehlt schlicht Unterstützung.
Vielleicht bin ich nicht einfach „zu empfindlich“ oder „zu chaotisch“. Vielleicht ist auch mein Kind nicht einfach „schwierig“. Vielleicht brauchen wir an manchen Stellen nicht mehr Anstrengung, sondern passendere Bedingungen.
Was meine ich mit Neurodivergenz und Hochsensibilität?
Neurodivergenz wird als Oberbegriff für unterschiedliche Arten verwendet, wie Menschen wahrnehmen, Informationen verarbeiten und auf ihre Umwelt reagieren.
Dazu gehören zum Beispiel ADHS, ADS, also die eher unauffällige Form ohne ausgeprägte Hyperaktivität, und das Autismus-Spektrum.
In der ICD-11 wird Autismus unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Der Spektrumsgedanke ist wichtig, weil Fähigkeiten, Ausprägungen und Unterstützungsbedarfe sehr unterschiedlich sein können.
Hochsensibilität ist dagegen keine medizinische oder psychische Diagnose. Der Begriff beschreibt eine besonders ausgeprägte Sensitivität und Verarbeitung von Reizen.
Für meine Beratung ist zunächst weniger wichtig, welches Etikett über einer Erfahrung steht.
Was kostet dich oder dein Kind besonders viel Kraft?
Was funktioniert gut?
Wo entstehen immer wieder Schwierigkeiten?
Und was könnte tatsächlich helfen?
Wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen
Neurodivergente Familienrealitäten können ziemlich intensiv sein.
Ein Kind braucht Bewegung, ein anderes Ruhe. Ein Elternteil braucht Struktur, der andere ist spontaner.
Jemand kommt nach Kita, Schule oder Arbeit bereits völlig erschöpft, wütend oder weinend nach Hause.
Und gleichzeitig müssen Essen, Termine, Hausaufgaben, Haushalt, Arbeit und Familienleben irgendwie weiterlaufen.
Dann hilft nicht immer der nächste Erziehungstipp.
Manchmal braucht es zuerst Verständnis dafür, warum bestimmte Situationen immer wieder so viel Kraft kosten.
Gemeinsam können wir schauen, welche Strukturen helfen, wo Erwartungen angepasst werden können, welche Bedürfnisse aufeinandertreffen und wo Entlastung sinnvoll wäre.
Dein Kind darf Bedürfnisse haben. Und du auch.
Wir leben in Systemen
Da sind Kita, Schule, Ärzt:innen, Arbeitgeber oder andere Fachstellen.
Vielleicht weißt du ziemlich genau, was dein Kind braucht, aber nicht, wie du es gegenüber der Schule ansprechen sollst.
Vielleicht steht ein schwieriges Gespräch mit einer Lehrkraft oder der Kita bevor.
Vielleicht erleben verschiedene Beteiligte dieselbe Situation völlig unterschiedlich.
Oder du merkst selbst im Beruf, dass bestimmte Rahmenbedingungen dich dauerhaft sehr viel Kraft kosten.
Ich kann dir helfen, deine Beobachtungen und Anliegen zu sortieren, Gespräche vorzubereiten und mögliche nächste Schritte zu überlegen.
Dabei geht es nicht darum, aus jeder Schwierigkeit einen Kampf zu machen.
Aber verständnisvoll zu sein bedeutet auch nicht, sich selbst oder sein Kind immer wieder übergehen zu lassen.
Manchmal braucht Menschlichkeit eben auch Rückgrat.
Es darf darum gehen, sachlich zu bleiben, andere Perspektiven zu verstehen und trotzdem klar für sich oder sein Kind einzustehen.
Nicht immer muss sich nur der Mensch anpassen. Manchmal dürfen sich auch die Bedingungen im System verändern, damit sie besser zum Menschen passen.
Was bedeutet das für meine Beratung?
Ich arbeite nicht mit einem allgemeinen Rezept dafür, wie ein Mensch funktionieren sollte.
Ich schaue nicht nur auf dein Thema, sondern auf dich, deine Situation, deine Beziehungen, deine Ressourcen und die Bedingungen drumherum.
Vielleicht möchtest du bestimmte Reaktionen besser verstehen.
Vielleicht suchst du nach Möglichkeiten, euren Alltag leichter zu gestalten.
Vielleicht möchtest du eine Situation mit deinem Kind sortieren oder ein Gespräch mit Kita oder Schule vorbereiten.
Vielleicht fragst du dich, ob eine fachliche Abklärung sinnvoll sein könnte.
Oder vielleicht möchtest du dir einfach einmal etwas von der Seele reden.
Manchmal entsteht daraus eine Lösung. Und manchmal tut es erst einmal gut, dass etwas ausgesprochen werden darf, ohne dass sofort etwas daraus werden muss.
Du musst vorher nicht wissen, welche Hilfe du brauchst. Wir schauen gemeinsam hin.
Und wenn es mehr braucht?
Meine Beratung ersetzt keine ärztliche, psychiatrische, psychotherapeutische oder fachärztliche Diagnostik.
Ich diagnostiziere weder ADHS noch eine Autismus-Spektrum-Störung oder andere psychische bzw. neurologische Erkrankungen.
Wenn sich zeigt, dass eine fachliche Abklärung oder zusätzliche Unterstützung sinnvoll sein könnte, können wir gemeinsam sortieren, welcher nächste Schritt passen könnte.
Je nach Situation kann ich dir Anlaufstellen nennen und dir helfen, weitere Gespräche oder Schritte vorzubereiten.
Menschen müssen nicht überall gleich funktionieren
Unsere eigene Familienrealität hat mir gezeigt, wie viel sich verändern kann, wenn Verhalten nicht nur bewertet, sondern besser verstanden wird.
Es geht nicht darum, Menschen passend für ihr Umfeld zu machen. Sondern darum herauszufinden, was du oder dein Kind braucht, um möglichst gut leben, lernen, arbeiten und verbunden sein zu können.