Bindungsstil, Vertrauen & Führung
Was Beziehungserleben damit zu tun haben kann, wie wir Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit am Arbeitsplatz wahrnehmen.
Ein wirtschaftspsychologisches Forschungsprojekt zu Bindung und Führungsbeziehungen.
Führung ist auch Beziehung
Wenn wir an Bindungsstil denken, denken wir häufig zuerst an Partnerschaft, Familie oder Kindheit.
Aber auch im Berufsleben entstehen Beziehungen. Wir müssen vertrauen, kommunizieren, Feedback annehmen, Unterstützung zulassen, Verantwortung übernehmen und mit Nähe oder Distanz umgehen.
Gerade die Beziehung zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften kann dabei eine besondere Rolle spielen. Sie ist nicht nur durch Aufgaben, Verantwortung und Hierarchie geprägt, sondern auch dadurch, wie verlässlich, unterstützend oder sicher die Zusammenarbeit erlebt wird.
Das ist für beide Seiten relevant. Mitarbeitende erleben Führung unterschiedlich. Gleichzeitig stehen Führungskräfte vor der Aufgabe, Beziehungen zu sehr unterschiedlichen Menschen zu gestalten, Vertrauen aufzubauen, Rückmeldungen zu geben und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Genau diese Verbindung zwischen Bindung und Führung fand ich psychologisch besonders spannend.
Unser Forschungsprojekt
Im Rahmen eines wirtschaftspsychologischen Gruppenprojekts haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie sich Erkenntnisse aus der Bindungsforschung auf den beruflichen Kontext übertragen lassen.
Für meine Ausarbeitung stand besonders die Beziehung zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften im Mittelpunkt.
Dabei wollten wir untersuchen, ob sich bindungsbezogene Merkmale auch im Verhältnis zur eigenen Führungskraft erfassen lassen und wie sie mit der wahrgenommenen Qualität dieser Führungsbeziehung zusammenhängen.
Wie wurde untersucht?
Für die Untersuchung wurden etablierte Fragen aus der Bindungsforschung auf die Beziehung zur eigenen Führungskraft übertragen.
Zusätzlich wurde ein bestehender Fragebogen zur Führungsbeziehungsqualität eingesetzt. So konnten wir untersuchen, ob bindungsbezogenes Beziehungserleben mit der Wahrnehmung der Beziehung zur Führungskraft zusammenhängt. Hausarbeit Bindungsstile SoSe24
An der Onlinebefragung nahmen zunächst 176 Personen teil. Nach der Datenbereinigung konnten 168 Erwerbstätige in die Auswertung einbezogen werden.
Was zeigte sich?
Die aus 14 bindungsbezogenen Fragen gebildete Skala zeigte mit einem Cronbachs Alpha von .924 eine sehr hohe interne Konsistenz. Die einzelnen Fragen bildeten damit ein stark zusammenhängendes Merkmal ab.
Besonders interessant war der Zusammenhang mit der wahrgenommenen Qualität der Führungsbeziehung.
Zwischen der bindungsbezogenen Skala und der Führungsbeziehungsqualität zeigte sich bei den 168 Befragten ein signifikanter positiver Zusammenhang von r = .637.
Bindungsbezogenes Beziehungserleben und die wahrgenommene Qualität der Beziehung zur Führungskraft hängen also deutlich miteinander zusammen.
Dabei handelt es sich um einen Zusammenhang. Die Ergebnisse zeigen nicht, dass der Bindungsstil allein darüber entscheidet, ob eine Führungsbeziehung gut oder schlecht funktioniert.
Warum ich dieses Thema spannend finde
Mich interessiert an Bindungsstilen vor allem, dass Beziehungserleben nicht nur in einem einzigen Lebensbereich stattfindet.
Menschen lassen ihre Art, Beziehungen zu erleben, nicht an der Bürotür zurück.
Auch im beruflichen Alltag können Fragen wichtig werden:
Kann ich mich auf mein Gegenüber verlassen?
Fühle ich mich akzeptiert und ernst genommen?
Kann ich Unterstützung annehmen?
Wie gehe ich mit Nähe und Distanz um?
Wie leicht fällt es mir, Probleme, Unsicherheiten oder Kritik anzusprechen?
Und was passiert mit mir, wenn ich mich in einer Beziehung nicht sicher oder verstanden fühle?
Solche Fragen können mit beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen, wie wir miteinander kommunizieren und wie wir mit Konflikten umgehen.
Beziehungen können Belastung verstärken oder abfedern
Berufliche Belastung entsteht nicht immer nur durch zu viel Arbeit, Zeitdruck oder schlechte Organisation.
Manchmal ist es die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, die besonders viel Kraft kostet.
Für Mitarbeitende kann das zum Beispiel ein Konflikt mit einer Führungskraft sein. Für Führungskräfte kann es genauso herausfordernd sein, schwierige Gespräche zu führen, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten umzugehen, Erwartungen auszubalancieren oder Verantwortung für ein Team zu tragen.
Vertrauen, Kommunikation, Feedback und das Erleben von Sicherheit spielen dabei auf beiden Seiten eine Rolle.
Das bedeutet nicht, dass jedes berufliche Problem mit dem Bindungsstil zu tun hat. Beziehungsmuster, Erwartungen und unterschiedliche Bedürfnisse können jedoch mit beeinflussen, wie Situationen erlebt werden und wie Menschen miteinander umgehen.
Deshalb kann es hilfreich sein, nicht nur auf Aufgaben und Strukturen zu schauen, sondern auch darauf, was zwischen den beteiligten Menschen passiert.
Was ich aus dieser Forschung für meine Arbeit mitnehme
Wenn Menschen mit einem beruflichen Thema zu mir kommen, schaue ich deshalb nicht nur auf die äußeren Rahmenbedingungen.
Dabei kann es um die Perspektive einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters gehen, genauso aber um die einer Führungskraft, einer selbstständigen Person oder eines Unternehmers.
Mich interessiert:
Was passiert zwischen den beteiligten Menschen?
Wo entsteht Vertrauen und wo geht es verloren?
Wie werden Kommunikation, Feedback oder Konflikte erlebt?
Welche Erwartungen und Bedürfnisse treffen aufeinander?
Was löst eine bestimmte Situation bei mir selbst aus?
Und was kann ich beeinflussen, damit sich mein Umgang mit der Situation oder die Zusammenarbeit verändert?
Gerade bei Führung kann es hilfreich sein, nicht nur zu fragen:
„Wie sollte ich mich als Führungskraft verhalten?“
Sondern auch:
„Was braucht dieser Mensch von mir, was brauche ich selbst und wie können wir trotz unterschiedlicher Persönlichkeiten gut miteinander arbeiten?“
Für mich gehört auch das zu Lebenskunst.
Denn berufliches Wohlbefinden entsteht nicht isoliert. Beziehungen, Verantwortung, persönliche Bedürfnisse und die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, greifen ineinander.
Zu verstehen, warum bestimmte Situationen oder Beziehungen besonders belasten und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen, kann deshalb ein wichtiger Schritt sein, um bewusster mit ihnen umzugehen.
Wissenschaftlich eingeordnet
Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der bindungsbezogenen Skala und der wahrgenommenen Führungsbeziehungsqualität.
Sie erlaubt jedoch keine Aussage darüber, was Ursache und was Wirkung ist. Zudem beruhen die Ergebnisse auf Selbstauskünften und einer nicht repräsentativen Stichprobe.